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Ein deutsches Gedicht über den Grindwalfang

 
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u.k.



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BeitragVerfasst am: 24.11.2006 08:45    Titel: Ein deutsches Gedicht über den Grindwalfang Antworten mit Zitat

"Der Grindwalfang an den Färöerinseln", von Dr. Jos. SCHEFFEL, in : KALENDER DER NATUR, erster Jahrgang, Stuttgart 1858, S. 182-185 (auch als neue Auflage 1859), in einer anderen Version mit einer Strophe weniger und leicht verändertem Text in der Gedichtsammlung "Gaudeamus !" 1868 erschienen (sehr viele Auflagen bis ins 20. Jh.), daraus nachgedruckt in "Scheffels Werke in drei Bänden", hrsg. von E.v. SALLWÜRK, Leipzig 1917, Bd. 2, S. 487-490; weiter in "Werke / Joseph Victor von Scheffel", Hrsg. von Friedrich PANZER, Bd. 1. S. 97-101 (erschienen 1919, auch als Nachdruck Hildesheim: Olms 2004); bereits 1915 in den MITTEILUNGEN DER ISLANDFREUNDE, II. Jg. Heft 3/4, S. 91-94, wieder abgedruckt in TJALDUR (Mitgliederzeitschrift des Deutsch-Färöischen Freundeskreises), Heft 15. 1995, S. 25-28 mit einem Kommentar von Detlef WILDRAUT. Textprobe : "Was rennt das Volk an Torshavns Strand,/Als drohten Korsaren mit Einbruch dem Land,/Was schwingt es die Spieße und Stangen ?//Die Färinger heben ein Kampfspiel heut an,/Heut füllen mit Speck wir die Tonnen, und Thran,/Den Grindwal wollen wir fangen." (Erste von 21 bzw. 20 Strophen. Vorlage für das Gedicht war die Schilderung eines Grindwalfangs in Tórshavn im 1828er Tagebuch von Carl Julian GRABA (1830 erschienen, Nachdruck Kiel 1993, S. 222-233), wie in dem o.g. Aufsatz im TJALDUR bereits festgestellt wurde. Ich kann den Text leider hier nicht reinstellen, aber vielleicht hat jmd. die Möglichkeit dazu.
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u.k.



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BeitragVerfasst am: 25.11.2006 09:18    Titel: Die 9. Strophe des Gedichtes (über den Grindwal) Antworten mit Zitat

"Wacholder und Meerrettig liebt er nicht,/Vor Schiffen, darin Schlägerei ausbricht,/Entweicht er mit sichtlichem Schrecken;/ Er lebt als Säugthier mit Kind und Frau,/Und nährt sich redlich von Cabliau/Und bitteren Tintenschnecken." Diese Strophe fehlt in den späteren (bekannteren) Versionen des Gedichtes "Der Grindwalfang an den Färöerinseln" von Joseph Victor (von) SCHEFFEL. Diese Informationen hatte der Dichter auch nicht aus dem Bericht über einen Grindwalfang im Hafen von Tórshavn im Tagebuch von GRABA (1828), der sonst als Vorlage für das Gedicht diente.
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d.w.



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BeitragVerfasst am: 15.12.2006 14:34    Titel: Antworten mit Zitat

Erstaunlich ist, dass Viktor von Scheffel nie die Färöer besucht hat. Aber er hat eben, wie man heute sagt, gründlich recherchiert, bevor er sich ans Schreiben machte. Hier nun der Text des Gedichts:

Der Grindwalfang an den Färöerinseln

Joseph Viktor von Scheffel


Was rennt das Volk an Torshav'ns Strand.
Als drohten Korsaren mit Einbruch dem Land.
Was schwingt es Spieße und Stangen?
Die Färinger heben ein Kampfspiel heut an.
Heut füllen mit Speck sich die Tonnen und Tran.
Den Grindwal wollen sie fangen.

Fern tanzt ein Boot auf der bläulichen Flut.
Laut schallt sein Signalruf: „Grindabud!“
„Der schwarze Wal kommt gezogen!“
Und „Grindabud“ ruft es aus jeglichem Mund,
Hinaus itzt in sonnheller Morgenstund'
Zur Hetzjagd auf schäumenden Wogen!

Von Küste zu Küste fliegt hurtig die Mär,
Des Nachbardorfs Segel erglänzen im Meer,
Rings steigen die Feuersäulen;
„Schafft Walfischmesser, schafft Schnüre mit Blei,
Schafft Lanze und Axt und Harpune herbei,
Frisch zu, heut gilt kein Verweilen.“

Und alt und jung kommt gerüstet zum Streit,
Selbst der dicke Amtmann macht sich breit
Und verlässt seine friedlichen Tische.
Nur die Frau'n und der Prediger bleiben zu Haus,
Man fürchtet, es breche schlimm Wetter sonst aus
Und ihr Nahen verscheuche die Fische.

Nach wenig Minuten, bewehrt und bemannt,
Stößt ein Dutzend Boote vom felsigen Strand
und schießt pfeilschnell durchs Gewässer.
Scharf pfeift der Nordost ... wer macht sich was draus?
In die Hände geblasen! die Jacken aus!
Hemdsärmelig rudert sich besser.

Jetzt leis! Kein Geräusch! ... und schwatzt mir nicht viel!
Dort schwimmen die Wale, wir sind am Ziel:
Sehr ihr den schwarzdunklen Streifen?
Plumpriesige Häupter tauchen hervor,
Wie Springbrunnen blasen sie Strahlen empor
Und schnauben wie Orgelpfeifen.

Schnell hat sich im Halbrund geordnet der Kreis
Umzingelnder Boote ... sie treiben leis
Zum Hafen die arglosen Scharen.
Eine zwiefache Flotte; wer malt mir das Bild;
Die winzigen Treiber, das riesige Wild,
Nicht ahnend die Todesgefahren!

Der Grindewal vom Geschlecht des Delphins,
auch Butzkopf geheißen, ist sänftlichen Sinns,
Kein Raubtier, nur ungebärdig.
Dem Menschen gefällig treibt er oft vom Meer
Die Heringsschwärme zum Lande her,
Des Überfalls nicht gewärtig.

Gutmütiger Sild-Reki* in nächster Frist
Erprobst Du, was Dank bei den Nordmännern ist!
Die Reihen schließen sich enger ...
Erreicht ist der Hafen ... sie schwimmen hinein,
Mit Steinwurf und Ruderschlag hinterdrein
Die Boote ihrer Bedränger.

Jetzt halten die Grinden und wollen zurück ...
In Gram vor dem kommenden Augenblick
Hält auch die hetzende Meute ...
Dann dumpfer Schrei: „Vorwärts! Fáll! Fáll!“
Vom Muschelhorn tönt Angriffssignal,
Das Eisen ereilt seine Beute.

Scharf saust die Harpune! Noch eine! glückauf,
Gedoppelter Blutstrahl steigt senkrecht herauf,
Wild taucht der Getroffne zu Grunde.
Jetzt windet die Leine und rudert zum Land!
Haleya! Wie rennen sie fest sich im Sand,
Wie klafft vom Speerwurf die Wunde!

Verraten müh'n sich in seichter Bucht
Die riesigen Tiere. Unmöglich die Flucht, -
Gestrandet sind all und gefangen.
Boot drängt sich an Boot in kampfgieriger Eil',
Die Lanze schwirrt, dumpf hallt das Beil,
Rot schäumt's um die Ruderstangen.

Schon färbst sich Torshav'ns durchsichtige Flut
Tief dunkelrot von der Opfer Blut,
Des Mitleids ist heute vergessen.
Blind dringen all auf den Haufen ein
Und stechen und hauen und toben und schrein,
Vom Dämon des Mordens besessen.

Schlachtarbeit links, Schlachtarbeit rechts!
Ein jeder in steigender Wut des Gefechts
Wird kühner und unbekümmert,
Ob zuckend in eisenverschluckender Not
Der Wal das kecklich ihm nahende Boot
Mit wuchtigem Schwanzschlag zertrümmert.

Was tut's! Sie springen bis unter den Arm
in die Flut und mitten hinein in den Schwarm,
Den Sterbenden weiter zu hetzen.
Schon taumelt er matter im Kreis umher,
Die Augen geblendet vom bluttrüben Meer,
... sein Speck muss das Fahrzeug ersetzen.

Und fruchtlos schnaubt im Verenden der Wal
Als blutigen Regen des Naslochs Strahl!
Dem Feind auf Gesicht und Gewandung.
Sie hauen ihm eiserne Haken ins Maul
und festigen dran der Stricke Knaul
Und schleifen ihn fest durch die Brandung.

Was aber schwimmt jammernd dort drüben zum Land
Und hält das geschwollene Haupt in der Hand
Und beginnt, betrüblich zu klagen?
He, Grindwal! Was hat dir der Amtmann getan,
Dass den dicken, den tapfern, rechtskundigen Mann
Dein Schwanz so unsanft geschlagen?

Noch eine Stunde – und Stille ruht
Ob Schiffen und Strand und geröteter Flut.
Die Wasserschlacht ist zu Ende.
Erschlagener Achtzig decken den Sand,
Die Sieger reihen sich nebeneinand
und waschen die blutigen Hände.

Dann kommt der Taxator und schätzt und schaut
Und schneidet die Zahl des Gewichts in die Haut
Und bemisst als Gesetzeshüter
Des Königs Zehnten, der Kirche Zins
Und einem jeden den Teil des Gewinns
Nach Größe und Maß seiner Güter.

Dem Kampf ward sein Lohn und wir können nach Haus,
Drum schneidet Leber und Herz gleich aus,
Die geben die leckersten Bissen.
Doch du, Christine, bekommst davon nichts;
Durchdringt Dir das Walfett die Haut des Gesichts,
Will niemand vom Küssen mehr wissen.

*Sild-Reki: Heringstreiber (isländisch)

Text nach der Ausgabe: Scheffels Werke in drei Bänden. Herausgegeben von Dr. Edmund v. Sallwürk, Leipzig, Druck und Verlag von Philipp Reclam jun., o.J., Zweiter Band, S. 487-490







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u.k.



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BeitragVerfasst am: 15.03.2008 08:38    Titel: Bürokraten Antworten mit Zitat

"Bürokraten und ihrem Werk eines auszuwischen, versäumte Scheffel keine Gelegenheit. Mit spöttischem Behagen vermerkt er im Gedicht "Der Grindwalfang", daß der Amtmann vom sterbenden Walfisch noch einen Schlag abbekommen habe:

Wer aber schwimmt jammernd dort drüben zum Land
Und hält das geschwollene Haupt mit der Hand
Und beginnt betrüblich zu klagen?
He, Grindwal! was hat dir der Amtmann getan,
Daß den dicken, den tapfern, rechtskundigen Mann
Dein Schwanz so unsanft geschlagen?"

In der Vorlage, der Schilderung eines Grindwalfangs in Tórshavn 1828 im (1830 und wieder 1993 veröffentlichten) Tagebuch von GRABA, ist allerdings nur von einem Mann die Rede.

Zitat aus: Eugen WOHLHAUPTER, Dichterjuristen III, Tübingen 1957, S. 247
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George



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BeitragVerfasst am: 16.03.2008 17:27    Titel: Antworten mit Zitat

Was für eine schöne Idee, dieses Gedicht ins Forum zu setzen!
Ich hoffe, es ist nicht vermessen, wenn ich mir auch den damaligen Kommentar von Detlef Wildraut dazu wünsche?

Ich habe mich an ein Gedicht aus einem Heft erinnert, das 1989 vom Føroya Skúlabókagrunnur in Tórshavn herausgegeben worden war: Grindavísan von Christian Pløyen: 58 vierzeilige Strophen Gedicht auf Dänisch, begeisternd bebildert von Óli Petersen.
Pløyen war von 1837 bis 1848 Amtmann auf den Färöer und schrieb aus eigenem Erleben. Es mag sein, daß die Choreograpie des Grindwalfangs sich über andere Berichte als eigenes Bild verselbständigt hat, aber ich kann mir auch gut vorstellen, daß Scheffel das Gedicht von Pløyen gekannt hat.

Was Scheffel deutlich von Pløyen unterscheidet ist die Dramatik um nicht zu sagen die Theatralik, - seine Walfänger sind bewaffnet wie ein Landsknechtsheer: es sind Harpunen, Speere und Lanzen gesaust. Die einzige Waffe, die dort hätte geworfen werden können, war allerdings der hvalvákn... (Obwohl sie entgegen der deutschen Übersetzung als Wal-Speer in ihrer entscheidenden Wirkung eher eine Stoß-Waffe war.)
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u.k.



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BeitragVerfasst am: 18.03.2008 08:51    Titel: Vorlage : GRABA Antworten mit Zitat

Ob SCHEFFEL auch das Gedicht "Grindavísan" gekannt hat, weiß ich nicht. Dass die Schilderung bei GRABA eindeutig die Vorlage für sein Gedicht war, geht aus der Wortwahl (besonders in der früheren Version) und dem Ablauf der Beschreibung hervor. Allerdings benutzt SCHEFFEL einige Ausdrücke, die bei GRABA nicht vorkommen: "Butzkopf" (in Strophe 8), "Sild-Reki" (9.) und "Fáll, fáll" in der 10. Strophe wie d.w. in seiner biographischen Notiz zu SCHEFFEL im TJALDUR 15 (Dezember) 1995, S. 27-28 festgestellt hat. Das Gedicht war dort auf den S. 25-26 abgedruckt.
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George



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BeitragVerfasst am: 18.03.2008 12:42    Titel: Antworten mit Zitat

Pløyen hat die Grindwaljagd schulmäßig soz. typisiert geschildert.
Der Ablauf bei anderen Darstellungen wird, wenn keine dicken Fehler gemacht werden, weitgehend identisch sein (müssen); angefangen von der zufälligen Sichtung der Wale auf See usw. usw. bis zur Aufteilung des Fleisches.
Ich finde die Unterschiede zwischen den Darstellungen gerade aus dem Wissen heraus interessant, daß Pløyen schreibt, was er aus eigener Erfahrung kennt, womöglich wie es sein sollte, und daß Scheffel schreibt, worüber er sich (augenscheinlich gut) informiert hat und was ihn offensichtlich beeindruckt hat, aber eben wie er es sich vorstellt.
Ein kleines Detail (neben der o.a. Waffen-Geschichte):
Scheffel:
Fern tanzt ein Boot auf der bläulichen Flut.
Laut schallt sein Signalruf: „Grindabud!“

Pløyen läßt hingegen den Mast des Färöerboots stellen mit dem Grindwal-Signal.
Das ist, lax formuliert, der Unterschied zwischen Theorie und Praxis.
Damit ich nicht mißverstanden werde: ich finde den Scheffel gerade auch deshalb reizvoll, weil er eine engagierte Vorstellung von den Inseln darstellt.

Randbemerkung:
"Wacholder und Meerrettig liebt er nicht,/...."
Ich habe bei meiner kleinen Recherche zum bævurshylki Angaben bei Debes 1673-74 und Svabo 1781-82 gefunden, daß Wacholder und anderes als Wal-Abwehrmittel benutzt wurde (als Ersatzstoff für das sehr teure Bibergeil). Da wird er nicht unbedingt auf Graba angewiesen gewesen sein, denn diese Angaben wird zur Zeit von Scheffel jeder gefunden haben, der daran Interesse hatte. Über den offensiven Einsatz dieser Wal-Abwehrmittel zur Wal-Jagd suche ich allerdings noch Belege.
(Europäisches Bibergeil kostete übrigens noch 1880 ca. 1100 Mark/kg, das schwächer wirkende kanadische ca. 40-90; Wacholderöl hingegen von 3-14 Mark/kg)
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George



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BeitragVerfasst am: 03.04.2008 15:43    Titel: Antworten mit Zitat

Im Internet findet sich das Grindwaljagd-Gedicht von Joseph Viktor von Scheffel und zwar aus "Kritische Ausgabe in 4 Bänden, Band 1, Leipzig/ Wien 1917, S. 97-101", dazu eine Biografie und sein gesamtes Werk.
http://www.zeno.org/Literatur/M/Scheffel,+Joseph+Viktor+von
Lizenz: Gemeinfrei

Der Text unterscheidet sich von der hier eingestellten Version im wesentlichen in drei Wörtern:
Strophe 4 Zeile 2. Selbst der dicke Amtmann macht sich bereit (nicht: breit)
Strophe 10 Zeile 2: In Graun (nicht: Gram) vor dem kommenden Augenblick
Strophe 17 Zeile 1: Wer (nicht: was) aber schwimmt jammernd dort drüben zum Land
___________________________

Scheffel hat mit "Butzkopf" in Strophe 8 einen Begriff verwandt, der sich in seiner Stoff-Vorlage bei Graba nicht findet:

"Der Grindewal vom Geschlecht des Delphins,
auch Butzkopf geheißen, ..."


Ich habe bisher nicht die Quelle gefunden, aus der diese Bezeichnung für den Grindwal stammen könnte.
Graba hat in seinem Vorlagenstoff 1828 diesen Begriff (zu Recht!) nicht verwandt.
In den mir zugänglichen Fachbüchern und Lexika, die Scheffel 1858 für sein Gedicht zur Verfügung standen, bezeichnet "Butzkopf" eindeutig nicht den Grindwal, sondern dem Schwertwal (Orca).

Der frühere Hamburger Bürgermeister Johann Anderson, der als zuverlässige Kapazität betrachtet wird, verzeichnet in seinen "Nachrichten von Island, Grönland und der Straße Davis. Hamburg 1746" nach Gerd Wegner (a.a.O.):
"Der Größe nach beschrieb er von den Wallfischgattungen, welche oben und unten im Maul Zähne haben, den Butzkopf, bey den Engl. Grampus, Floundershead, Raj. und den Schotten Northcaper, (wie Sibbald bemerket) genannt, Orca Bellon. et Rondelet. Porcus marinus
major, Gesner. [Schwertwal, Orcinus orca L.]. Anderson nannte ihn Balæna minor utroque maxilla dentata, pinnam in dorso gerens. Angaben zu Farbe und Körperform folgten in Kurzform."
(Anmerkung von mir: der Northcaper ist nicht mit dem heutigen Nordkaper identisch.)

David Cranz schreibt 1770 in seiner "Historie von Grönland" (als pdf bei books.google.de):
"Der Butzkopf, von seiner butten oder stumpfen Schnautze also genant, Englisch Grampus, sonst Porcus marinus major, ist 15 bis 20 Fuß lang, oben schwarz und unten weiß, sonst in allem dem großen Wallfisch ähnlich."
(Anmerkung von mir: Grampus ist tatsächlich die alte englische Bezeichnung für den Schwertwal.)

"Der Butzkopf, des -es, plur. die -köpfe, eine Art Delphine, welche sich in den mitternächtigen Gewässern aufhält, zwanzig bis fünf und zwanzig Schuh lang wird, und einen stumpfen Kopf hat; Orca, L. Von dieser stumpfen Gestalt seines Kopfes hat er auch den Nahmen erhalten; denn im Nieders. bedeutet butt, stumpf. S. Butt."
Quelle: Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 1286.
http://www.zeno.org/Adelung-1793/A/Butzkopf,+der

"Butzkopf, Butskopf (Delphinus Orca), ein zu der Gattung der Delphine gehörendes Walthier, ist der größte Delphin, mit kugeligem Kopf und hoher Rückenstoße, 20–25 Fuß lang. Diese Thiere sollen gemeinschaftlich den Walfisch hetzen, bis er todesmatt den Rachen öffnet, und ihm dann die Zunge ausfressen."
Quelle: Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau, Band 1, S. 734.
http://www.zeno.org/Herder-1854A/Butzkopf 1854
(Anmerkung von mir: Die Beschreibung "Walfisch hetzen ... Zunge ausfressen", stammt vom "Schwertfisch", einem "Killerwal", der dem Seemannsgarn zuzuordnen ist.)

1841 war übrigens ein Schwertwal/Butzkopf in Holland gestrandet und wurde detailliert beschrieben. Sein Skelett ist im Museum Leyden. Kaum anzunehmen, daß Scheffel dieses Medienereignis übersehen hat.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm vermerkt kurz: "BUTZKOPF, m. delphinus orca."

Die umfangreichste Darstellung der Delphine findet sich in Meyers Großes Konversations-Lexikon. Leipzig 1905-1909, Band 4, S. 618-619.
http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Delphine. (Ich führe es hier absichtlich an, gerade weil es nach Scheffels Gedicht erschienen ist.)
Hier werden die Delphine in 3 Gruppen geteilt:
1. Zu den Butzköpfen(Phocaenina Gray), deren Angehörige einen vorn abgerundeten Kopf ohne eigentlichen Schnabel und ganz seitlich, ziemlich hoch stehende Brustflossen haben, gehört
Der Weißwal (Weißfisch, Beluga, Beluga leucas Gray) ...
Der Schwertwal (Schwertfisch, Butzkopf, Orca gladiator Gray) ...
Der Braunfisch (Meerschwein, Tümmler, Phocaena communis Less.) ...
2. Zu den Grindwalen (Globiocephalina Gray), bei denen Kopf und Schädel geschwollen sind, die sichelförmigen Brustflossen weit unten und die kurze Rückenflosse vor der Mitte des Körpers stehen, gehört der sehr häufige Grindwal (Schwarzwal, Globiocephalus globiceps Cuv., ...
3. Die eigentlichen D. (Delphinina Gray) haben einen kleinen Kopf mit schnabelförmiger, scharf von der Stirn geschiedener Schnauze und sehr zahlreiche, bleibende Zähne; die Brustflossen stehen ganz seitlich, die Rückenflosse fast auf der Mitte der Oberseite, die Schwanzflosse ist verhältnismäßig sehr groß und halbmondförmig. Hierher gehört der gemeine Tümmler (Delphinis Tursio Fabr.), ...


Die einzige lexikalische Quelle, in der sich eine Nähe des Begriffs Butzkopf - Grindwal finden läßt ist Pierer's Universal-Lexikon. Altenburg 4, 1857-1865, Band 4, S. 823-824. http://www.zeno.org/Pierer-1857/A/Delph%C4%ABn
"D) Butsköpfe (Butskaper, Grampus), Rückenflosse, Stirn sehr gewölbt u. vorstehend, keine Schnabelschnauze, Kinnlade kürzer, Zähne walzig, gekrümmt;
a) Gemeiner Butzkopf (Nordkaper, Speckhauer, Schwertwall, Fechter, D. orca L., Phocaena orca, Phocaena gladiator Cuv.), Art aus der Gattung D.; Kopf u. Schwanz lang, Schnauze rundlich, kurz, mit verlängerter Oberkinnlade, Zähne ungleich, kegelförmig, rückwärts gebogen; ist oben schwarz, unten weiß, mit weißem Flecke auf den Augen; größter D., bis 25 Fuß lang, lebt im Atlantischen Meere zwischen dem Äquator u. dem Nordpol, kommt auch ins Mittelmeer; frißt Häringe, die er mit seinem [⇐823][824⇒] Schwanze wirbelnd zusammentreibt; verfolgt in Schaaren den Wallfisch, dem er Stücke aus dem Leibe reißt, u. heißt deshalb auch Mörder. Er ist Gegenstand eines großen u. wichtigen Fanges auf den Färöer.
b) Der Grindewal (D. globiceps), 18–20 Fuß lang, schwarz, an der Gurgel mit weißem Herzfleck u. einem Streif von da bis zum After, um Nordeuropa, Nordamerika u. im Norden des Stillen Oceans. "

(Anmerkung von mir: Auch diese - übrigens "einsame" - Einordnung läßt m.E. keine begriffliche Gleichsetzung mit Butzkopf zu.)

In einer Schrift des Hamburger Zoologischen Museums findet sich 1921 folgende Feststellung:
„Mit den Namen Butzkopf wird auch der Schwertwal, ebenso der Grindwal und der Dögling oder Entenwal bezeichnet.“ HENTSCHEL, E. (1921): Ein Schwertwal in der Oberelbe. - Mitt. Zool. Mus. Hamburg 13. Jahrg.: 951-954.
Anmerkung von mir: Dies trifft für den Grindwal zu, wenn es sich auf den überaus volkstümlichen Dichter Scheffel bezieht. Der Nördliche Entenwal oder Dögling (Hyperoodon ampullatus) ist eine Walart aus der Familie der Schnabelwale. Er hatte seiner stark vorgewölbten Stirn ("Faßkopf") wegen zeitweise den lateinischen Namen "Hyperoodon butzkopf" erhalten; das mag zu dieser Verwechselung geführt haben. Bei Pierer (s.o.) wird der Entenwal, wiederum "einsam", als "Butzwahl" geführt, eine Zuordnung, die nur im Niederländischen als "butskop" offiziell wurde und soz. den Reigen der Begriffsverwirrung am Ende vom Schwertwal zu einer völlig anderen Walart führt.

Nicht überprüfen konnte ich die Möglichkeit, ob sich der Begriff "Butzkopf" womöglich abseits der lexikalischen Sprache in volkstümlichen Bezeichnungen z.B. der Walfänger findet. Wenn es dazu Angaben gibt, werden sie sich am ehesten finden lassen bei Oesau, Wanda: "Schleswig=Holsteins Grönlandfahrt auf Walfischfang und Robbenfang vom 17. - 19. Jahrhundert".Verlag: Glückstadt - Hamburg - New York, J. J. Augustin, 1937.
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George



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BeitragVerfasst am: 07.06.2008 19:37    Titel: Re: Vorlage : GRABA Antworten mit Zitat

u.k. hat Folgendes geschrieben:
Allerdings benutzt SCHEFFEL einige Ausdrücke, die bei GRABA nicht vorkommen: (...) "Fáll, fáll" (...)

Bei GRABA konnte dieser Begriff "Fáll, fáll" garnicht vorkommen, weil er nicht aus der küstengebundenen Waljagd mit Kleinbooten stammt, wie sie auf den Färöern betrieben wurde, sondern aus der kommerziellen Waljagd mit den Walfang-Großseglern.
Auf diesen Walfangschiffen wurde nach Sichtung eines Großwals mit dem Kommando "Fall! Fall! Überall!" das alarmmäßige Zuwasserlassen der Fangboote befohlen. Ein Kommando "Fallenlassen" der Boote mittels der Davits hätte für die färöischen Boote überhaupt keinen Sinn gemacht.
Der Ruf "Fall! Fall!" war hingegen im norddeutschen Raum als Waljagdbegriff geläufig, und wurde möglicherweise deshalb vom Autor SCHEFFEL aufgegriffen.
Ob es dieses Kommando tatsächlich auch in der skandinavischen Form "Fáll!" gab oder es sich lediglich in schriftstellerischer Freiheit um eine Skandinavisierung handelt, entzieht sich meiner Kenntnis.


Vgl.: Bai, Emil G: Fall! Fall! Fall! öwerall. Bericht über den schleswig-holsteinischen Walfang am Beispiel der Stadt Elmshorn 1817-1872.
Heinemann,Hbg.- Garstedt, 1968



Es findet sich auch eine schöne Beschreibung bei Manfred Hausmann: "Bis nördlich von Jan Mayen", Neukirchen-Vluyn, 1978 auf S.110 (anläßlich einer Walfänger-Beerdigung auf Spitzbergen im 19. Jhdt):
Zitat:
"Vielleicht ertönte, ehe sie das Gebet zu Ende gesprochen hatten, von ihrem Schiff der Ruf "Fall, fall überall!" herüber, der bedeutete, daß der wie eine Fontäne aufsteigende Atemdampf eines Wales gesichtet war und die Schaluppen schleunigst zu Wasser gelassen werden mußten. Dann warfen die Männer das Grab in aller Eile zu und machten, daß sie an Bord kamen. Der lebendige Wal war wichtiger als der tote Kamerad."

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Zuletzt bearbeitet von George am 01.05.2009 12:14, insgesamt einmal bearbeitet
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d.w.



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BeitragVerfasst am: 08.06.2008 00:17    Titel: Antworten mit Zitat

George, Deine Erklärung dafür, dass Joseph Viktor von Scheffel in seinem Gedicht über den färöischen Walfang in der zehnten Strophe den Ausruf "fáll, fáll" benutzt, obwohl er auf den Färöern beim Grindwaltöten gar nicht verwendet wird, halte ich für einleuchtend.
Da Scheffel gründlich zu recherchieren pflegte, bevor er sich ans Schreiben machte, können wir sicher sein, dass er bezüglich des Walfangs nicht nur Grabas "Tagebuch" gelesen hat.
Die Frage, warum er dann in seinem Gedicht diesen "unfäröischen" Ausdruck benutzt hat, ist ganz einfach zu beantworten. "Fàll" oder "fall" reimt sich auf "Signal". Vielleicht hat Scheffel ja so gründlich recherchiert, dass ihm selbst die Problematik der Verwendung dieses Ausdrucks bewusst war. Aber wenn man ein gereimtes Gedicht schreibt, dann ist das allerwichtigste, dass sich die Zeilenenden auch wirklich reimen. Alle anderen Erwägungen treten dahinter zurück. "Reim dich oder ich fress dich", sagt bekanntlich der Volksmund. Und schließlich hätte sich Scheffel sagen können, dass die allermeisten seiner Leser - wenn nicht gar alle - von der Materie, die er in seinem Gedicht beschrieb, eh keine Ahnung hatten und den sachlichen Fehler gar nicht bemerken konnten.
Und nun kommen wir neunmalklugen Färöerexperten und stellen fest, dass der seinerzeit so ungeheuer populäre Dichter sich an einem Punkt seines Gedichts sachlich geirrt hat. Natürlich hat er sich da (vermutlich) geirrt.
Aber, was soll's. Tut das der Wirkung seines Gedichts irgendeinen Abbruch?

Es lohnt sich, Scheffels Gedicht auch einmal im Licht der Überlegungen zu lesen, die Tom Nauerby in seinem Buch "No Nation is an Island. Language, Culture and National Identity in the Faroe Islands", Aarhus, 1996, im vierten Kapitel "The Pilote Whale Hunt. From National Symbol to International Stigma"geäußert hat. Ich zitiere einiges aus diesem Kapitel.
S.146: "Down through the centuries, pilot whaling has been an integral part of the Faroese subsistence economy, but during the nationalist revival in the Faroes, pilot whaling acquired a new, additional significance as a national symbol." ...
"As was the case with the rest of the Scandinavian and European countries, interest in folk culture did not spring from 'the people', but (S.147) from the new middle class; either from the academic fields, or the official stratum of society." ...
Only three years later the Danish bailiff of the Faroes, C. Ployen, composed a ballad about pilot whaling in Danish ... It was called En ny Vise om Grindefangsten paa Færøerne. ... This ballad marks the beginning of the folklorisation of this aspect of the Faroese subsistence economy. (Hervorhebung von mir).
Mit anderen Worten: Scheffels Gedicht über den Grindwalfang ist auch ein Teil jenes Vorgangs der Folklorisierung des färöischen Grindwalfangs, der im 19. Jahrhundert begann. Nauerby erwähnt Scheffels Gedicht nicht. Vermutlich war es ihm nicht bekannt. Aber es wäre ein ausgezeichnetes Beispiel für seine These gewesen.
Aber Nauerby erwähnt die deutsche Autorin Else Zimmermann-Ost (Else Zimmermann-Ost, Färöer. Die unbekannten Inseln, Stuttgart, 1938).
Nauerby zitiert auf S. 151 in englischer Übertragung einen Abschnitt aus Jørgen-Frantz Jacobsens Buch "Færøerne - natur og folk" (1936). In diesem Abschnitt beschreibt - oder besser: deutet - Jacobsen den Grindwalfang. Zu Jacobsens Ausführungen bemerkt Nauerby: "The way Jacobsen depicts it, pilot whaling ist a sporting revival of the Viking spirit. To the advantage of the more material aspects, the focus is on the sporting or emotional involvment in the hunt. ... By this linking to the Viking Age and the characterisation of pilote whaling as "an original form of sport, unknown today except in the Faroes", Jacobsen is able both to anchor the tradition in a large, common Nordic context, historically speaking and to point to the cultural distinctivenes and independance of the Faroes in the present age. ... J.-F. Jacobsen was far from being the first to include the Viking past and the sporting element in the image of pilote whaling, but this was the first Faroese treatment of the subject that ... was geared to a foreign audience. This gave Jacobsens description great importance as a source of inspiration for many later writers. Only two years later, Else Zimmermann-Ost's German account of the Faroes appeared, in which the chapter on pilote whaling - introduced by the refrain from Ployens pilote whale song - has the revealing title Der Nationalsport: Walfang".
Dieses Motiv klingt bereits an in Scheffels Zeile "Die Färinger heben ein Kampfspiel heut an" in der ersten Strophe seines Gedichts.
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George



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BeitragVerfasst am: 08.06.2008 11:39    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe den Beitrag - wie immer! - mit Interesse und mit Gewinn aufgenommen. Meine Übereinstimmung am Ende findet sich nicht ganz so auch am Anfang. Vielleicht, weil es aus heutiger Sicht zu einfach ist, den Anfang einer historischen Entwicklung schon auf einen Punkt zu definieren, an dem die Beteiligten davon noch garnichts wußten? Oder auch, weil es wohl stimmt, daß kein Land eine Insel für sich alleine ist, - die Färöer aber eigentlich doch, - zumindest ein bischen mehr als andere Länder...

d.w. hat Folgendes geschrieben:
Natürlich hat er sich da (vermutlich) geirrt.
Aber, was soll's. Tut das der Wirkung seines Gedichts irgendeinen Abbruch?

Du hast vollkommen recht. Ich wollte nicht einen "Irrtum" feststellen, sondern habe versucht eine Erklärung für SCHEFFEL's Begriffe zu finden, die er, wie Du herausgefunden hattest, nicht aus GRABA's Vorlage entnommen haben konnte.

d.w. hat Folgendes geschrieben:
Ich zitiere einiges aus diesem Kapitel.
S.146: "Down through the centuries, pilot whaling has been an integral part of the Faroese subsistence economy, but during the nationalist revival in the Faroes, pilot whaling acquired a new, additional significance as a national symbol." ...

Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, solche historischen Entwicklungen der Färöer mit denen der Shetlands (und Islands) zu vergleichen, schon wegen der geografischen und historischen Nachbarschaft. Ein feines anderes Beispiel dafür ist die ganz unterschiedliche Bedeutung des Tjaldur bei diesen beiden Nachbarn, die sich nur politisch erklären läßt durch das "nationalist revival", das in den Shetlands so nicht stattfand. Dies gilt sicherlich ganz ähnlich für die Grindwaljagd als genial gewähltes "national symbol".

d.w. hat Folgendes geschrieben:
"Only three years later the Danish bailiff of the Faroes, C. Ployen, composed a ballad about pilot whaling in Danish ... It was called En ny Vise om Grindefangsten paa Færøerne. ... This ballad marks the beginning of the folklorisation of this aspect of the Faroese subsistence economy. (Hervorhebung von mir).

Ich denke, daß PLOYEN auch ein großer Lehrer für die Färöer gewesen war, der u.a. die absolut rückständige Fischereiwirtschaft gegen den Widerstand der Betroffenen reformieren wollte. Damit hatte er keinen einfachen Stand und seine Ballade über den Gringwalfang als etwas seit Jahrhunderten Bekanntes, Gewohntes und die gesellschaftliche Organisation Bestimmendes war seinem Status sicherlich hilfreich.

d.w. hat Folgendes geschrieben:
Mit anderen Worten: Scheffels Gedicht über den Grindwalfang ist auch ein Teil jenes Vorgangs der Folklorisierung des färöischen Grindwalfangs, der im 19. Jahrhundert begann.

Die damaligen deutschen Länder in den 50er Jahren des 19. Jhdt. und die Färöer waren in der Reception solcher Balladen-Themen sicherlich höchst unterschiedlich. Vordergründig schon deshalb, weil die Waljagd in Deutschland mit Großseglern, Konzernen und wesentlichen wirtschaftlichen Interessen verbunden war und global stattfand. Zum anderen, weil diese Folklorisierung bei SCHEFFEL sich auf Deutschland und nicht auf die Färöer bezogen hat, und hier eher etwas mit der Germanisierung und Nationalisierung zu tun hatte (s. auch "Als die Römer frech geworden...")

Eine Romantisierung findet immer erst statt, wenn der Gegenstand überholt und "überflüssig" geworden ist (vgl. etwa die Romantisierung der Wassermühlen, die "am rauschenden Bach" erst "klapperten" als sie zum alten Eisen gehörten) oder/und wenn handfeste ideologische Gründe im Spiele sind (vgl. die verschiedenen Romantisierungen der Bauern und Arbeiter).
Die Waljagd war vor dem II.Weltkrieg, wenn auch z.B. von Deutschland noch heftig betrieben, wirtschaftlich längst überholt, wieviel mehr also die geradezu mittelalterliche Form der färöischen (und damals z.B. auch noch shetlandischen) Grindwaljagd.
Zu diesem Zeitpunkt - also 30er Jahre - leuchten mir Deine Ausführungen über J.-F. Jacobsen vollkommen ein. Deshalb finde ich ja auch die Wahl der Grindwaljagd als Beitrag zur nationalen Identität aus heutiger Sicht geradezu genial.
Den Begriff "Nationalsport" finde ich dennoch problematisch. Die oft ungleich brutalere traditionelle Hasenjagd bei uns würde ich auch nicht unter "Sport" subsumieren.
Diese Tendenz zum "Sport" in den Färöern ist in meinen Augen hingegen eine neueren Datums; sie fällt für mich zusammen mit der Entscheidung, nicht nur traditionelle Färöer-Boote als Jagdboote zuzulassen. Aber das ist vielleicht ein anderes Thema.
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u.k.



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BeitragVerfasst am: 09.10.2022 11:39    Titel: J. V. von Scheffel zu seinem Gedicht über den Grindwalfang Antworten mit Zitat

in einem Brief vom 21.6.1871 an den Naturwissenschaftler Johann Ludwig Gerhard Krefft, der in Australien lebte:

"2. daß Sie dem Grindwalfang Interesse abgewannen, freut mich als Beweis daß die Schilderung eine naturtreue ist. Ich habe sie unter dem frischen Eindruck des Fischerlebens an der Nordseeküste verfaßt u. die Schilderungen des dänischen Naturforschers Graba (Dän. Zeitschrift der Naturwissensch. 1829 mitgeteilt in Oken Naturgesch. p. 1080 zu Grunde gelegt. Meine Landsleute als gute Landratten meinen immer, ich hätte das Gedicht aus der Sammlung [Gaudeamus] weglassen sollen, da es nicht zu den anderen passe."

(alte Rechtschreibung)

zit aus
Johannes H. Voigt (Stuttgart)
Der Trifels auf den Fünften Kontinent
Joseph Victor von Scheffels dichterische Spuren in Australien
S. 265-273, auf S. 272

in: Lesen und Schreiben
Literatur Kritik Germanistik
Festschrift für Manfred Jurgensen zum 55. Geburtstag
hrsg. von Volker Wolf. -
Tübingen; Basel: Francke, 1995

SCAN bei GoogleBooks:
Suche:
oken naturgeschichte graba 1838


Zuletzt bearbeitet von u.k. am 10.10.2022 10:03, insgesamt 2-mal bearbeitet
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George



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BeitragVerfasst am: 09.10.2022 17:11    Titel: Antworten mit Zitat

Ein schöner Fund! Very Happy
Ein unkorrigierter Scan der angegebenen "Allgemeine Naturgeschichte für alle Stände" von Prof. Oken ist auf diesem Link:
https://archive.org/stream/bub_gb_mhO6AAAAIAAJ/bub_gb_mhO6AAAAIAAJ_djvu.txt
Im wesentlichen wird dem Text aus Graba's "Tagebuch" gefolgt, mit einigen redaktionellen Änderungen und einigen anderen Gewichtungen im Detail.
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