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Nydam-Schiff - Färöerboot

 
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Erik



Anmeldedatum: 17.08.2005
Beiträge: 767
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BeitragVerfasst am: 09.01.2008 15:16    Titel: Nydam-Schiff - Färöerboot Antworten mit Zitat

Das Nydam-Schiff von ca. 320 n. Chr. wurde 1863 im Nydam-Moor (Südjütland) gefunden. Das Moor liegt in der Gemeinde Sønderborg, beim Ort Øster Sottrup etwa 8 km vor der Stadt Sønderborg. Das Schiff diente als Kriegsfahrzeug, als schneller Truppentransporter, war nordseetauglich und konnte bis zu 45 Mann aufnehmen.

Das Färöerboot stammt direkt vom Wikingerschiff ab. Ursprünglich kommt es aus Norwegen, und später baute man es aus Treibholz und importierten Brettern selber. Für die schlanke und leichte Bauweise der seetüchtigen Boote waren verschiedene Faktoren ausschlaggebend:

http://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%A4r%C3%B6boot



http://de.wikipedia.org/wiki/Nydam-Schiff


Zuletzt bearbeitet von Erik am 02.05.2009 23:42, insgesamt einmal bearbeitet
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George



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BeitragVerfasst am: 04.05.2008 07:39    Titel: Antworten mit Zitat

Das Nydam-Ruderboot scheint in seiner genialen Bauweise "vom Himmel gefallen", verglichen mit den Eingeborenen-Kanus der Region (z.B. Hjortspringboot), die wir aus früheren Funden kennen. Während auf der britischen Insel schon 2000 Jahre lang „genähte“ Plankenboote geschützte Küstengewässer befuhren (Ferriby-Boot im Humber: 15.5m x 2.5m, 1600 BC!!!) fanden sich in Skandinavien bis Jütland nicht viel mehr als Einbäume und Fellboote.
Und jetzt mit dem Nydamboot: Ein geklinkerter Rumpf mit Eisennieten im 4. Jahrhundert, - ein halbes Jahrtausend vor dem Gokstad-Boot... Mit diesem großen Entwurf ging schiffsentwicklungsmäßig im Norden soz. die Post ab.

Interessanterweise bestehen auch Shetlander darauf, daß sich ihr Sixareen (auch Sixern oder Sixearn) direkt vom Nydam-Boot herleitet ("The Sail Fishermen of Shetland", Capt. Halcrow, 1950). Auf den ersten Blick mit guten Argumenten: bis auf das am Heck angeschlagene Ruder finden sich wichtige Features vom Shetland-Verwandten des Färöer-Boots bereits beim Nydam-Boot. Mal abgesehen davon, daß das noch nicht besegelt gewesen war.
Mit dem zweiten Blick auf die Nydamboot-Konstruktion stellt sich ein entscheidender Unterschied zum Wikingerboot heraus: der Kiel. Das T-förmige Rückgrat des Wikingerboots ist beim Nydamboot noch eine besonders starke, flache Mittelplanke. Sie stellt in der Evolutionsgeschichte der Holzboote soz. den letzten rudimentären Rest des Einbaum-Vorfahren dar.

Interessant finde ich den Anspruch auf Abstammung vom Nydamboot auch deshalb, weil beim Nydam-Boot ja noch überhaupt keine Rede von den Nordmännern/Wikingern gewesen sein konnte. Es sind dies nämlich solche Boote, mit denen die Angeln und Sachsen nach England fuhren. Und dort eine ganz eigene Tradition begründeten:
Die Angelsachsen nannten diese Boote ceol oder cyul, mit der Doppelbedeutung Schiff und Kiel (altnorw.: kjóll). Diese angelsächsische Bezeichnung lebt bis heute im englischen Schiffstyp "Keel", insbesondere "Humber Keel" weiter; ein Schiffstyp übrigens, der bis weit ins 20. Jahrhundert hinein mit dem "Wikinger"-Rahsegel das englische Kanalnetz befuhr. http://www.humberships.org.uk/assets/images/NG-81_Keels.JPG
(Heute fahren noch zwei Museumsschiffe; auch mein eigenes Schiff, eine „Humber Sloop“, steht am Ende dieser Entwicklungslinie)
Die "Angeln und Sachsen" sind übrigens durchaus lebendig: nach Gen-Untersuchungen stammen mindestens 50% der modernen Engländer von den damaligen Invasoren aus Süddänemark/Norddeutschland ab...
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George



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BeitragVerfasst am: 02.05.2009 09:43    Titel: Antworten mit Zitat

Ich muß meinen obigen ersten Beitrag zum Nydam-Boot korrigieren.
Wie öfters bei Anstößen aus diesem Forum gab es eine längere, intensivere Beschäftigung mit diesem Thema, nach dem ich meine Vorstellung von den „Vorstufen“ des Wikingerboots und der „germanischen“ Seefahrt der Vor-Wikingerzeit erheblich korrigieren mußte. (Übrigens auch meine Ansicht über einige Buch- und Wikipedia-„Weisheit“…)

Ich habe eine Zeitlang ein färöisches Seksmannafar an unseren Küsten der Nord- und Ostsee gefahren. Über dem großen Genuß und dem außerordentlichen Erlebnis, ein solches Wikingerboot im tiefen Wasser und dort im Seegang zu segeln (und zu rudern), hatte ich einigermaßen meinen Ärger verdrängt, wie unangenehm sich dieses Boot im flachen Wasser des von mir so geliebten Wattenmeers und auch der Ostsee-Bodden verhält. Ganz abgesehen davon, daß man sich nicht wirklich einfach trocken fallen lassen kann, - es kippt auf die Seite und kann im schlimmsten Fall vollschlagen.
Nein, das Färöer-Boot ist für Flachwasser-Küsten ebenso wenig geeignet, wie die Wikingerschiffe norwegischen Typs generell. (Die dänischen Boote hatten – aha! – immerhin einen sehr viel weniger ausgeprägten Kiel.)

Wollte ich mir heute einen „historischen“ Bootstyp für unsere Küste anschaffen, wäre es – bei aller unverminderten Wertschätzung für das Färöer-Boot – ein lokaler flachbodiger Knickspanter der östlichen Nehrungen und Haffs, oder eben ein Boot vom Nydam-Typ. Das ist das Boot meiner geografischen Vorfahren, der Angeln und Sachsen zwischen Weser und Jütland. Es war perfekt an diese Flachwasser-Küste und die Bedingungen der großen Mündungen und Binnengewässer angepasst; und im Übrigen durchaus zur Seefahrt geeignet, - im 5. Jahrhundert war kaum noch ein Ort dieser Küstenlandschaft bewohnt, weil die Bevölkerung mit eben solchen Booten nach England ausgewandert war.

Versuche mit dem Nachbau eines angel-sächsischen Verwandten des Nydam-Boots haben zweifelsfrei ergeben, daß flach- oder rundbodige Boote vom Nydam-Typ ohne weiteres gesegelt werden konnten, auch ihre Abdrift war trotz fehlenden Kiels moderat. Sowohl die weidenblatt-förmige Form (in der Aufsicht), als auch die dicht gesetzten Spanten zur Stabilisierung verweisen eher auf ein gesegeltes Boot als auf ein nur gerudertes.

Interessanterweise gibt es ein zweites Nydam-Boot aus derselben Zeit, das sehr viel weniger bekannt ist, als das hier geschilderte Eichenholz-Boot. Dies andere Nydam-Boot war aus Nadelholz, und ist der früheste nordische Bootsfund mit dem „typischen“ T-Kiel der Wikingerboote und mit dem ersten wirklichen Seiten-Steuerruder. Dem Holz nach und weiteren Fundstücken im Boot stammt es von der norwegischen oder schwedischen Küste, für die es bestens geeignet war.
Wir können also eine reviergerechte Diversifikation im frühen nordeuropäischen Schiffbau feststellen, - keineswegs ist das Nydam-Boot eine Vorstufe des Wikinger-Boots, sondern ein „besseres“ Boot für das Flachwasser-Revier.

Ist dies schon Anlaß genug, die Wikinger-Brille abzunehmen bei der Betrachtung der Schiffsbau-Entwicklung in Nord-Europa, so lehrt uns ein Blick ins Geschichtsbuch weiteres:

Im Jahr 83 vor Null kaperten meuternde germanische Hilfstruppen der Römer drei römische Kriegsschiffe („tres liburnicas“; Tacitus) an der britischen Westküste, umfuhren damit Schottland im Norden und überquerten die Nordsee, - wo sie allerdings den friesischen Verwandten in die Hände fielen. Die „Liburnica“ war das römische Standard-Kriegsschiff, eine schnelle Galeere mit zwei Reihen Ruder auf jeder Seite, - ohne Seemannschaft und nautische Erfahrung in diesen auch für moderne Segler schwierigen Gewässern nicht zu fahren.
Im Jahr 12 BC lieferten die Bructeri (die mutmaßlichen Namensgeber unserer Insel Borkum) einer römischen Flotte des Drusus in der Ems-Mündung eine Seeschlacht, ihre Schiffe sind nicht überliefert, aber sie hatten welche.
Die Chaucen, die Friesen, die Franken, die Angeln und Sachsen waren in den folgenden Jahrhunderten nur einige germanische „Stämme“, die den Wikingern als gefürchtete Piraten und Räuber zur See vorausgingen. Ihre Überfälle und Raubzüge waren nicht weniger dramatisch und ‚kühn’ wie die der Wikinger, allerdings unterscheiden sie sich geschichtlich in zwei wesentlichen Punkten:
- Zum einen gibt es archäologisch kaum Bootsfunde aus dieser Zeit (spätere Funde verdanken wir vor allem der schönen Sitte, daß die Häuptlinge mitsamt ihren Booten in einen Hügel vergraben wurden)
- Zum anderen trafen die Wikinger, anders als ihre Vorgänger, auf eine neue Sorte Opfer, nämlich Klöster und Kirchengemeinden, deren Priester und Mönche die Geschichtsschreibung beherrschten.

Dies alles mindert in keiner Weise meine Faszination beim Anblick eines Färöer-Boots: es ist in seiner Weise funktional und ästhetisch perfekt, - und hat bis heute überlebt.
Das Nydam-Boot war auf seine Weise ebenso perfekt, - in einer gänzlich anderen Umgebung.

Vielleicht noch eine kleine Anmerkung zu Erik's Begriff "Färöboot", - diesen gibt es im Deutschen so nicht. Soweit ich sehe ist er in Wikipedia "erfunden" worden und entspricht möglichweise einer besonderen Affinität zum Dänischen, - nicht unsympathisch, aber sprachlich nicht korrekt.
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BeitragVerfasst am: 02.05.2009 23:32    Titel: Antworten mit Zitat

George hat Folgendes geschrieben:
Vielleicht noch eine kleine Anmerkung zu Erik's Begriff "Färöboot", - diesen gibt es im Deutschen so nicht. Soweit ich sehe ist er in Wikipedia "erfunden" worden und entspricht möglichweise einer besonderen Affinität zum Dänischen, - nicht unsympathisch, aber sprachlich nicht korrekt.


Die dänische Autorin Lisbeth Nebelong hat ihren zweiten Färöer-Roman Færøblues genannt (Nebenbei: Für Dänischkundige sehr zu empfehlen!). Das entspricht Eriks Färöboot und ist durchaus gut Dänisch.
Bei aller Affinität zum Dänischen, - die ich gewiss habe - auf Deutsch sollte man den Roman besser Färöerblues oder Färöer-Blues nennen. Wie eben auch Färöerboot.
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George



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BeitragVerfasst am: 24.08.2009 12:44    Titel: Antworten mit Zitat

Angeregt durch Erik's wirklich eindrucksvolles Foto des Nydam-Boots möchte ich hier einen Literaturtip geben. Wer sich für unsere Schiffahrtsgeschichte vor den Wikingern interessiert, in der das Nydam-Boot eine wichtige Rolle spielt, für den gibt es eine spannende Lektüre:

"Dark Age Naval Power
- A Reassessment of Frankish and Anglo-Saxon Seafaring Activity" von John Haywood; Anglo-Saxon Books, 1999. ISBN 1-898281

Dies Buch hangelt sich nicht an den ganz vereinzelten archäologischen Boots-Funden dieser Zeit entlang, sondern wertet zeitgenössische Quellen und andere Wissenschaftsgebiete in Verbindung mit diesen Funden aus:

Aus römischen Unterlagen ergibt sich bspw. zweifelsfrei, daß die Chauken aus dem heutigen Niedersachsen im 1. und 2. Jahrhundert das heutige Belgien mit furchtbaren Raubzügen überzogen haben, - über See! Sicherlich nicht mit den Einbäumen der Kleinfischer von der Elbe oder den Torfbooten vom Steinhuder Meer.

Die historischen Quellen weisen auch nach, daß die barbarischen Piraten-Raubzüge der Sachsen vom 3. bis 5. Jahrhundert in Reichweite und Taktik sich durchaus mit denen der späteren Wikinger messen konnten. Undenkbar, daß dies mit einfachen Ruderbooten durchgeführt werden konnte. Die großen Brüder des Nydam-Boots waren besegelt!

Auch die Seeschlacht, die die Germanen der stolzen römischen Rhein-Flotte "Classis Germanica" im 1. Jahrhundert vor der Rhein-Mündung lieferte, ist mit Sicherheit nicht mit (Hjortspring-)Indianer-Kanus geführt worden. Bootsfunde selbst stehen noch aus, wir haben aber die Beschreibungen von Tacitus u.a.

Sprachwissenschaftler weisen übrigens nach, daß unser Wort "Segel" aus dem keltischen "seklo" ins Germanische übernommen worden war. Warum sollte um das Jahr Null etwa die Bezeichnung, aber nicht der Gegenstand selbst übernommen worden sein, den sie doch täglich bei Kelten und Römern vor Augen hatten, und an denen sie - in römischen Diensten - geschult waren?

Wie gesagt, eine empfehlenswerte, spannende Lektüre mit einem umfangreichen Quellen-Apparat.
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