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Kühe fressen Grindwale

 
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George



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BeitragVerfasst am: 04.09.2010 16:52    Titel: Kühe fressen Grindwale Antworten mit Zitat

Färöer-Rinder mit Walfleisch gefüttert

In der britischen Zeitschrift "THE LEISURE HOUR" No. 1363 vom 9. Februar 1878 befindet sich auf S.92-96 eine kenntnisreiche Beschreibung des Grindwalfangs in den Färöern und in den Shetlandinseln. Der Beitrag ist in toto interessant, um die grundsätzlichen ökonomischen und historischen Unterschiede im Walfang dieser beiden Länder zu verstehen, - er bietet jedoch auch einen spannenden Einblick in die Nutzung des Grindwals in der Viehwirtschaft auf den Färöern, über die ich bislang in keiner anderen Unterlage etwas gelesen habe.
Im Verlaufe dieses Themas finden sich auch neue Aspekte über den färöischen Pfarrer Johan Henrik Schrøter, die ich so vorher ebenfalls nicht kannte.


Textausschnitt aus "The Leisure Hour"


Der Autor Henry Lee schreibt im Rahmen einer weitergefaßten Abhandlung über die Verwendung von Grindwal-Fleisch zum Strecken der knappen Winterfütterung des färöischen Rindviehs. Da Lee nicht sicher erkennen läßt, ob diese Beobachtung an eine zuvor zitierte Angabe von Walter Trevelyan (Sir Walter Calverley Trevelyan, 6th Baronet (1797-1879)) anschließt, habe ich seine Quelle gesucht und im "THE EDINBURGH NEW PHILOSOPHICAL JOURNAL", Apr.-Okt. 1844, gefunden:


Zitat:
Notice of the Employment of the Flesh of Small Whales
for feeding Cattle in the Faroe Islands.


In a letter to the Editor from W. C. Trevelyan, Esq.

I yesterday received a letter, dated June 2d, from the Faroe
Islands, which contains further information regarding the cap-
ture of whales by means of nets, of which a notice appeared
in the Journal for January. The total number of the Delphi-
nus melas (Caaing whale) taken in Faroe in 1843, was 3146,
besides a few individuals of other species ; most of these were
captured by means of the net before mentioned. The quan-
tity of oil obtained from the blubber and exported, was 87,404
gallons, and its value £5665 ; besides this, about one-eighth of
the blubber was salted for food, and some oil reserved for
domestic uses. During the past winter, a novel but im-
portant experiment has been tried with the flesh of these ani-
mals : — it was then for the first time used as food for cows,
and apparently with perfect success. For this purpose the
flesh is cut into long and narrow strips, and dried, without
salt, in the air, in the same manner as when used for food by
the natives ; when well dried it will keep good for two years.
When used, it is cut into pieces two or three inches long,
and slightly boiled; any oil rising to the surface is skimmed
off and then the soup and meat are given to the cows, to-
gether with about one-half or one-third the usual quantity of
hay. On this food they appear to thrive well, giving an in-
creased quantity of milk; and neither it nor the cream has
any unpleasant flavour, as they have when the animals are fed
on dried fish, as in Iceland and other northern countries.
Many cows have usually perished in Faroe from the scarcity
of fodder in winter; and my correspondent, the Rev. Mr
Schroter, (who has for many years exerted himself in improv-
ing the condition of his fellow countrymen), calculates that the
lives of more than 600 cows were saved last winter by the
use of this food ; which, he remarks, might be found of value
for the same purpose in Shetland and Orkney, where, from
the flesh of the Delphinus being disliked as food, great quan-
tities of it are wasted which might be profitably employed in
this way — a more valuable application of it than for manure,
as formerly suggested ; and if the supply were at all regular,
it might enable the inhabitants to increase their stock of cows
in winter, and thus add much to their domestic comfort.

Edinburgh, 25th June 1844.


Wir entnehmen diesem Text, daß in den Färöern, wie in den nordischen atlantischen Inseln von Shetland über Island bis Grönland, jeden Winter aus Futtermangel große Verluste am Viehbestand eintraten. Angesichts des engen Versorgungszusammenhangs in der färöischen Selbstversorgungs-Wirtschaft war die Erhaltung der Kühe (über-)lebenswichtig.
Christian Pløyen war von 1837 bis 1848 Amtmann auf den Färöern und außerordentlich um die Verbesserung der färöischen Wirtschaftsbedingungen bemüht. Insbesondere versuchte er "seinen" Färingern die fortgeschritteneren Fischerei-Verfahren der Shetlander zu vermitteln. Ob dieser Futterversuch direkt auf ihn zurückzuführen ist, geht aus den bisherigen Unterlagen nicht hervor, - aber der geistige Vater dieser Neuerungen ist er zweifellos. In Pfarrer Schrøter hatte er offensichtlich einen außerordentlich engagierten Bundesgenossen.
Mit dem - heute etwas exotisch anmutenden - Viehfutter-Verfahren schien man eine Errungenschaft aufgetan zu haben, die man einmal in die andere Richtung, nämlich an die Shetlandinseln empfehlen konnte.

Das Walfleisch wurde also von den "Eingeborenen" (natives) in lange, schmale Streifen geschnitten und - wie üblich - an der Luft getrocknet, - sicherlich im selben Hjallur (Trocken-Schuppen), in dem auch die halben Schafe luftgetrocknet wurden.
Diese getrockneten Streifen wurden fingerlang geschnitten und mit Wasser zum Kochen gebracht; das Öl wurde abgeschöpft und Suppe wie Fleisch an das Vieh verfüttert, zusammen mit der Hälfte oder nur einem Drittel der üblichen Portion Heu.
Diese Wal-"Diet" verbesserte die Milchproduktion, - erfreulich war zudem, daß weder die Milch, noch Milchprodukte einen unangenehmen Geschmack annahmen, wie man es vom Rindvieh in Island und anderen nördlichen Ländern gewöhnt war, wo man dem knappen Futter mit Trockenfisch nachhalf.
Pfarrer Schrøter, der sich schon über lange Jahre um Verbesserung der Lebensbedingungen seiner Landsleute bemüht hatte, schätzte, daß sicherlich 600 Rinder durch diese Fütterung am Leben gehalten werden konnten. Dieses erfolgreiche Verfahren hielt er gleichermaßen für die Shetlandinseln und die Orkneys für geeignet, - dort nutzte man die Grindwale ja im Gegensatz zu den Färöern vor allem zur Ölgewinnung und nicht zum menschlichen Verzehr.

Am Rande erfahren wir in diesem Zusammenhang, daß derselbe dänische Gouverneur Pløyen, der sich durch die Grindavísan-Ballade auf den Färöern wohl unsterblich gemacht hat, dennoch auch ohne weiteres Versuche unternahm, diese altertümliche Jagdmethode durch modernere Netzfischerei abzulösen. Damit hatte er keinen Erfolg, - diesen ersten Versuchen folgten keine weiteren. Glücklicherweise. Nicht auszudenken, was aus der nachhaltigen und - trotz aller gegenteiligen Horror-Propaganda - tierschonenden Küstenjagd geworden wäre, wenn man zur Netzfischerei übergegangen wäre.

Ich habe einige Färinger gefragt, die mit Rindvieh zu tun haben: Die frühere Verfütterung von Walfleisch ist ihnen nicht bekannt. In der mir bekannten Grindwalfang-Literatur wird sie auch nicht erwähnt.
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"es ischt beweglich rund um die färörer herrrum"

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George



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BeitragVerfasst am: 05.09.2010 11:46    Titel: Antworten mit Zitat

Da nichts im luftleeren Raum stattfindet, soll kurz die gesellschaftliche Entwicklung auf den Färöern angezeigt werden, vor deren Hintergrund diese Reform-Bemühungen insbesondere zur Zeit Christian Pløyen's stattfanden.

Die färöische Wirtschaft war von Anfang an zuvörderst eine landwirtschaftliche gewesen. Die norwegischen Siedler brachten bei der Landnahme ihre heimatlichen bäuerlichen Strukturen mit, d.h. eine Landwirtschaft vor allem mit Rinder- und Schafhaltung sowie Gersten-Anbau. Besonders die klimatischen Bedingungen der "neuen Welt" brachten zwar einige Veränderungen mit sich, so daß der Agrarbereich ausgenommen blieb, als die Inseln 1271 mit dem Gulathing dem Norwegische Recht unterstellt wurden, aber dennoch blieb bis ins Mittelalter hinein Butter einer der wichtigsten Exportartikel, erst ab dem 13. Jahrhundert wurden durch steigende Nachfrage Woll-Exporte attraktiv und die Viehwirtschaft trat etwas in den Hintergrund.

Die großbäuerliche färöische Gesellschaftsordnung wurde 1298 mit dem Seyðabrævið festgeschrieben und zementiert. Alle wesentlichen Rechte und Möglichkeiten waren mit dem Landbesitz verbunden; die Gesellschaft bestand aus zwei Klassen, den Landbesitzern, insbesondere den Königsbauern samt den Priestern/Pfarrern und den Händlern auf der einen, und den Landbesitzlosen auf der anderen Seite.
Eine Alternative zur Landwirtschaft gab es nicht; wer selbstständiger Bauer werden wollte, mußte seit dem Seyðabrævið drei eigene Kühe nachweisen, - nahezu ein Ding der Unmöglichkeit.

1777 wurde die Abhängigkeit der Besitzlosen noch verschärft durch ein Gesetz ("Sklaven-Gesetz"), nach dem nur heiraten durfte, wer genügend Land besaß, um eine Familie zu ernähren. Das "Zuckerbrot" zu dieser Peitsche war die Aussicht, nach jahrelanger Knechtsarbeit ein Stück Land zugeteilt zu bekommen. Diese Regelung erwies sich als Anfang vom Ende der großbäuerlichen Gesellschaft. Mit diesen Landzuteilungen entsteht die "typische" färöische kleinbäuerliche Subsistenz-Wirtschaft, die sich gleichermaßen von wenigen Kühen, Schafen, jetzt erst stark aufkommendem Kartoffelanbau, Fischerei und Seevogelfang ernährte. Zwar setzten sich die Großbauern noch heftig zur Wehr, aber binnem kurzem gründeten diese neuen Siedler im 19. Jahrhundert 30 neue Ortschaften.

Vor diesem Hintergrund sind die Bemühungen zu sehen, die Fischerei als Erwerbsmöglichkeit einzuführen, sowie das knappe Grasland dieser kleinbäuerlichen Siedler durch "alternative" Futtermethoden auszugleichen.


Weitere und ausführlichere Informationen zu dieser wirtschaftlichen Entwicklung finden sich zum PDF-Download in THE INTERPLAYS OF HISTORIES, ECONOMIES AND CULTURES IN HUMAN ADAPTATION AND SETTLEMENT PATTERNS: THE CASES OF THE FAROE ISLANDS AND GREENLAND, von Lotta Numminen, Dissertation an der Universität von Helsinki vom 14.05.2010; (dort auch Verlagsangaben.)
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Christian Schöne



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BeitragVerfasst am: 05.09.2010 15:17    Titel: Antworten mit Zitat

Danke George für Deine beiden äußerst interessanten Beiträge. Ich bin ja regelmäßig erstaunt und freudig begeistert, was Du so alles zu Tage förderst.
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Anne



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BeitragVerfasst am: 24.09.2010 19:58    Titel: Re: Kühe fressen Grindwale Antworten mit Zitat

George hat Folgendes geschrieben:
Ich habe einige Färinger gefragt, die mit Rindvieh zu tun haben: Die frühere Verfütterung von Walfleisch ist ihnen nicht bekannt. In der mir bekannten Grindwalfang-Literatur wird sie auch nicht erwähnt.


Ich meine das irgendwo mal gelesen zu haben. Ich weiß aber nicht mehr genau wo. Ich denke daher, daß ich es beim überfliegen gelesen habe...wenn ich das dann mal richtig lese werde ich es wohl wieder finden...mal sehen. Wenn ja, dann schreibe ich hier wieder was dazu.
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George



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BeitragVerfasst am: 25.09.2010 08:02    Titel: Re: Kühe fressen Grindwale Antworten mit Zitat

Anne hat Folgendes geschrieben:
...Ich meine das irgendwo mal gelesen zu haben..

Es gibt ausführliche Beschreibungen über die Ausnutzung und Verwendung der Grindwale bis zum letzten "Fitzelchen". So wenn etwa geschildert wird, wie am Ende die übriggebliebenen Walgerippe auf die bergseitigen Enden des Graslandes geschafft werden und dort unter Witterungseinfluß zur Düngung beitragen. Nach einer gewissen Zeit wurden die Gerippe dann weiter bergab gewälzt, usw. (Das war offensichtlich die Zeit vor der "Erfindung" des Düngers aus gemahlenen Knochen...)
Merkwürdigerweise ist mir unter diesen ausführlichen Verwendungs-Beschreibungen die o.a. Verfütterung von Walfleisch nicht untergekommen, es war auch bei prominenten Autoren und etwa im Nationalmuseum nicht bekannt.

Auch deshalb würde mich Deine Fundstelle sehr interessieren.

Mich wundert das Ganze etwas, weil ich mir denke, daß der Amtmann Ployen darüber berichtet haben wird. Außerdem wird eine - zumal so aufwendige - Neuerung in einer traditionell konservativen bäuerlichen Bevölkerung einiges Aufsehen verursacht haben.
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