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Zur Geschichte eines Färöer-Bootes

 
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George



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BeitragVerfasst am: 10.09.2009 06:29    Titel: Zur Geschichte eines Färöer-Bootes Antworten mit Zitat



Gjógvarábátur

Zur Geschichte eines Färöer-Bootes

Gjógvarábátur ist eines von mehreren alten 10-er Ruderbooten (Tíggjumannafar), die in Vágur auf Suðuroy heute noch benutzt werden. Und zwar als grindabátur, als Walfangboot. Das Bootsregister beim Suðuroyer Sýslumann weist für Gjógvarábátur das Baujahr 1873 aus; es ist somit das älteste Boot auf Suðuroy, und das älteste Boot, das auf den Färöern insgesamt noch benutzt wird.

Im färöischen Museum, dem Føroya Fornminnissavn, unter Leitung von Andras Mortensen, befinden sich drei noch ältere Boote: ein namenloser Vierer aus Hvalvík (~1850), der Dreier Skúgvur (1868) und der Sechser Ørnin (1870). Boote im Museum zu erhalten ist unverzichtbar, aber die Boote im Museum sind tot. Nur Boote, die in ihrer zugedachten Aufgabe benutzt werden, leben.

1991 hat der damalige Vormann von Gjógvarábátur, Jógvan M. Absalonen, die Geschichte des Bootes aufgeschrieben. Es ist 1873 gebaut worden vom Bootsbauer Símun Hansen í Norðnastovu. Símun, damals 62, war ein erfahrener Bootsbauer und soll drei- oder vierhundert Boote gebaut haben; dennoch hatte er mit diesem Boot wenig Glück.
(Ich möchte nicht verschweigen, daß auf der Suðuroy-Webseite – und in Nólsoy - mittlerweile der Nólsoyer Bootsbauer Jóhan í Garði angegeben wird, Belege dafür fehlen. Andras Mortensen hat in seinem hervorragenden Buch „Hin føroyski róðrarbáturin“ salomonisch beide Angaben erwähnt.)

Bestellt worden war das Boot von Jóan Petur Olsen á Stongunum, also vom Besitzer des Handelshúsini á Stongunum. Es sollte ein „stórt áttamannafar“ werden, also ein großer Achter. Die Übergänge zwischen den färöischen Bootsgrößen waren immer fließend, - dieses war ein Allround-Boot für wechselnde Besatzungsstärken und vielfältige Aufträge; bei Bedarf konnten z.B. zwei zusätzliche Ruderer untergebracht werden. Nach dem Ort Stongunum wurde das Boot überall „Stangarbáturin“ genannt.

Das Boot wurde offiziell allerdings auf den Namen „Nordsternen“ getauft, - dänisch wie alle Boote seiner Zeit. Aus den ersten Jahren dieses neuen Bootes ist kaum etwas bekannt. Nach 10 Jahren allerdings kannte jeder Färinger seinen Namen:
Am 8. September 1873, also vor 126 Jahren, kenterte das Boot auf der Rückfahrt von Tórshavn nach Klaksvik unter Segel durch einen Fallwind am Borðoyarnes. Nur einer von acht Männern konnte sich retten, - ein kleines Wunder in dieser Katastrophe.

Das Boot trieb mit der Tide in Richtung Nólsoy und wurde dort geborgen. Der tief betroffene Eigentümer wollte sein Unglücks-Boot nicht mehr sehen…
Einige Fundsachen, die als Treibgut sichergestellt werden konnten, werden bis heute im Norðoya fornminnisfelag aufbewahrt, darunter ein „leypurin“, also ein traditioneller Rückentragekorb.

Das Boot war vermutlich günstig zu haben, und wurde mit neu angefertigten Riemen und Masten nach Vágur (Misá) geholt, wo ein großes Boot dringend gebraucht wurde; wird doch berichtet, daß diese Gemeinschaft zu der Zeit selbst für wichtige Fahrten für Pfarrer oder Doktor dort nur einen Sechser einsetzen konnte.

Viel Freude hatten die zehn Anteilseigner nicht mit ihrem neuen Boot. Es wurde Inselgespräch wegen schlechten Seeverhaltens, wurde als ausgesprochen unsicher bezeichnet und war zudem ein schlechter Segler. Wegen seines Verhaltens im Seegang bekam es seinen Spitznamen „Vatnkíkur“ verpasst.
Dieser Spitzname war nebenbei deshalb ganz praktisch, weil es ab 1903 einen weiteres Boot namens Nordstern gab, den „Norðstjørnan“ von Nes bei Vágur. (Auch dieses Boot wird heute noch nach 106 Jahren von der Eignergemeinschaft benutzt.) Das ältere Unglücksboot „Nordsternen“ wurde zwar offiziell als „Gjógvarábátur“ geführt, - das war der übernommene Name des früheren Walfang-Zehners der Eigner-Gemeinde -, aber wirklich bekannt war nur der Spitzname „Vatnkíkur“.

Irgendwann im ersten Weltkrieg packte man das Übel an der Wurzel und ließ das Boot umbauen. Es gibt einige bekannte Bootsbauer auf den Färöern, Brot-und-Butter Meister und Bootsbauer mit genialen Händen. Gjógvarábátur hatte das Glück, daß er in solche geniale Hände fiel, er kam nämlich zum Bootsbauer Poul K. Hammer, mit dessen Namen dieses Boot immer verbunden bleiben wird.

Hammer stellte fest, daß weder die Volumen-, noch die Gewichtsverteilung des Bootes stimmten; insbesondere war die Wölbung des Unterwasserschiffs nicht völlig genug, - das Boot war in der färöischen Bootsbauersprache: „hungrig“, - svangur í botninum.

Ich habe selbst lange einen Seksmannafar gefahren und habe gelernt, auch Teile von Planken dieses geklinkerten Bootes auszuwechseln. Nach einer solchen niederschmetternden Diagnose hätte ich auf „Brennholz“ getippt oder „gut fürs Museum“, - Hammer hingegen hat damals eine breite Slagborð-Planke (14“) herausgenommen und durch zwei neue, schmalere ersetzt und die Wölbung damit neu geformt. Die Slagborð-Planken formen grob gesagt die Rundung zwischen dem Boden und der Bordwand. Die Völligkeit des Vorschiffs wird „nach Lehrbuch“ allerdings bereits mit der ersten Bodenplanke, dem fláborð, festgelegt, - Hammer hat einen anderen Weg gefunden, den ich handwerklich immer noch nicht ganz nachvollziehen kann.
Für die Korrektur der Gewichtsverteilung hat Hammer die komplette Rudereinrichtung um 40 cm nach achtern verlegt, also auch alle Dollen (tollur) neu eingesetzt, die Zusatzbank entfiel, stattdessen richtete Hammer das Boot als echten 10er ein, - und so ist es bis heute geblieben. Aus dem Àttamannafar war ein Tíggjumannafar geworden.
Die Fahreigenschaften waren wie ausgewechselt.
Heute ist Gjógvarábátur eines der eindrucksvollen Vorzeigeboote der Vágurer Bootsflotte.
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Wer heute mit einem Färöer-Boot rudern möchte, hat dazu merkwürdigerweise die beste Möglichkeit im dänischen Roskilde. Dort befindet sich - soz. im Schatten der spektakulären Wikinger-Großboote - der Kleinboothafen, für dessen Existenz und Konzeption das Museum garnicht genug gelobt werden kann; - aber wie gesagt: in Dänemark und nicht in den Färöern.

Anders als etwa das shetlandische Museum ist das färöische nicht mit einem Museumshafen und einer Replika-Werkstatt verbunden.
Defacto befindet sich der färöische "Museumshafen" in Vágur/Suðuroy, - mit einer Vielzahl an alten Traditionsbooten, die sämtlich wie selbstverständlich in Funktion gehalten werden.
Erfreulicherweise beginnt man, dieses lebende färöische Erbe vorsichtig den Besuchern zugänglich zu machen. Wer die Insel nicht nur auf einem Tages-Trip "abhakt", sondern sich rechtzeitig meldet, wird in einem Färöer-Boot des 19. Jahrhunderts fahren können.

Das ist umso wichtiger auch für die Inländer selbst, wenn man bedenkt, daß auch die heutigen Färinger ebensowenig mit Ruderbooten aufwachsen, wie unsere Schulkinder eine Kuh aus der Nähe zu sehen bekommen.

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Zuletzt bearbeitet von George am 23.12.2009 13:26, insgesamt einmal bearbeitet
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Erik



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BeitragVerfasst am: 10.09.2009 08:58    Titel: Gjógvarábátur 1873 Antworten mit Zitat

Flickr Foto:
http://www.flickr.com/photos/14716771@N05/3599554579/

126 ár síðani 7 mans fórust við Stangabátinum
http://www.sudurras1.com/pages/posts/126-ar-sidani-7-mans-forust-vid-stangabatinum2239.php
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George



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BeitragVerfasst am: 10.09.2009 09:28    Titel: Antworten mit Zitat

Danke für das gute Foto von Gjógvarábátur, Erik!
Ich konnte ja nur in dem engen Bootshaus fotografieren und habe deshalb "nur" die Details und keine Totale,
- Dein Foto hätte ich viel lieber als "Titelbild" genommen. Smile
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Anne



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BeitragVerfasst am: 27.02.2010 23:55    Titel: Antworten mit Zitat

Paßt nicht ganz zum Thema, aber falls hier jemand Münzen sammelt:

Die hier ist heute bei mir angekommen:

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George



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BeitragVerfasst am: 28.02.2010 09:30    Titel: Antworten mit Zitat

Ich finde, diese Münze paßt ausgezeichnet zum Thema, das sich ja auf Erhaltung des historischen Erbes bezieht, das das Färöer-Boot darstellt.
Diese Darstellung von Hans Pauli Olsen ist auf den ersten Blick für mich deshalb bemerkenswert, weil er keine "heroische" Szene gewählt hat (so wie Färöer-Boot im Sturm, etwa das "klassische" Motiv vor Nólsoy) oder ein "Vorzeigeboot" wie den 8-er oder 10-er unter Segel und/oder allen Riemen. Wir sehen hier einen eher unscheinbaren, gewöhnlicheren kleinen Typ, der auf den ersten Blick nicht einmal genau zuzuordnen ist, und mit einer wohl geringeren Besatzung als möglich. Trotz des pittoresken Hintergrundes und des deutlich bewegten Wassers muß niemand das Boot in der Strömung halten, es ist auch überhaupt kein eingehängter Riemen zu sehen, wie sollte das auch gehen ohne "Tollur" (eingesteckte Ruder-Dolle). Fehlen sie, weil sie im Wege waren, - z.B. für ein Netz? Oder sind sie einfach nicht zu erkennen? Die numismatischen Beschreibungen geben nichts dazu her, und es wäre spannend, wenn sich im Färöischen eine Beschreibung/Erklärung fände.
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